Kamo

„Verhehlen dürfen wir nicht auf diese Anfrage, dass in unserer ganzen Provinz dergleichen nicht anzutreffen sei; denn [der routinierte Bildungs- und Unterhaltungsbetrieb] setzt eine müssige Menge, vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet; denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, über die Grenze gebracht"

 

 

 

 

 

GEDULD !    ES WIRD !

 

eine Probe:  Wilhelm Meisters Wanderjahre, zweites Buch, 8. Kapitel

 

 

 

   Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre schärfen,
Und am Ende sei’s genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schön gebildet, zart vollbracht –
So von jeher hat gewonnen
KĂĽnstler kunstreich seine Macht.

 

 

   Suchen wir nun unsern seit einiger Zeit sich selbst ĂĽberlassenen Freund wieder auf, so finden wir ihn, wie er von Seiten des flachen Landes her in die pädagogische Provinz hinein tritt. Er kommt ĂĽber Auen und Wiesen, umgeht auf trocknem Anger manchen kleinen See, erblickt mehr bebuschte als waldige HĂĽgel, ĂĽberall freie Umsicht ĂĽber einen wenig bewegten Boden. Auf solchen Pfaden blieb ihm nicht lange zweifelhaft, er befinde sich in der pferdenährenden Region; auch gewahrte er hie und da kleinere und größere Herden dieses edlen Tiers, verschiedenen Geschlechts und Alters. Auf einmal aber bedeckt sich der Horizont mit einer furchtbaren Staubwolke, die, eiligst näher und näher anschwellend, alle Breite des Raums völlig ĂĽberdeckt, endlich aber, durch frischen Seitenwind enthĂĽllt, ihren innern Tumult zu offenbaren genötigt ist.

 

   In vollem Galopp stĂĽrzt eine groĂźe Masse solcher edlen Tiere heran, sie werden durch reitende HĂĽter gelenkt und zusammengehalten. An dem Wanderer sprengt das ungeheure Gewimmel vorbei, ein schöner Knabe unter den begleitenden HĂĽtern blickt ihn verwundert an, pariert, springt ab und umarmt den Vater.

 

   Nun geht es an ein Fragen und Erzählen; der Sohn berichtet, dass er in der ersten PrĂĽfungszeit viel ausgestanden, sein Pferd vermisst und auf Ă„ckern und Wiesen sich zu FuĂź herumgetrieben; da er sich denn auch an dem stillen, mĂĽhseligen Landleben, wie er voraus protestiert, nicht sonderlich erwiesen; das Erntefest habe ihm zwar ganz wohl, das Bestellen hintendrein, PflĂĽgen, Graben und Abwarten keineswegs gefallen; mit den notwendigen und nutzbaren Haustieren habe er sich zwar, doch immer lässig und unzufrieden beschäftigt, bis er denn zur lebhafteren Reiterei endlich befördert worden. Das Geschäft, die Stuten und Fohlen zu hĂĽten, sei mitunter zwar langweilig genug, indessen wenn man ein muntres Tierchen vor sich sehe, das einen vielleicht in drei, vier Jahren lustig davontrĂĽge, so sei es doch ein ganz anderes Wesen, als sich mit Kälbern und Ferkeln abzugeben, deren Lebenszweck dahinaus gehe, wohl gefĂĽttert und angefettet fortgeschafft zu werden.

 

   Mit dem Wachstum des Knaben, der sich wirklich zum JĂĽngling heranstreckte, seiner gesunden Haltung, einem gewissen frei-heitern, um nicht zu sagen geistreichen Gespräche konnte der Vater wohl zufrieden sein. Beide folgten reitend nunmehr eilig der eilenden Herde, bei einsam gelegenen weitläufigen Gehöften vorĂĽber, zu dem Ort oder Flecken, wo das groĂźe Marktfest gehalten ward. Dort wĂĽhlt ein unglaubliches GetĂĽmmel durcheinander, und man wĂĽsste nicht zu unterscheiden, ob Ware oder Käufer mehr Staub erregten. Aus allen Landen treffen hier Kauflustige zusammen, um Geschöpfe edler Abkunft, sorgfältiger Zucht sich zuzueignen. Alle Sprachen der Welt glaubt man zu hören. Dazwischen tönt auch der lebhafte Schall wirksamster Blasinstrumente, und alles deutet auf Bewegung, Kraft und Leben.

   Unser Wanderer trifft nun den vorigen, schon bekannten Aufseher wieder an, gesellt zu andern tĂĽchtigen Männern, welche still und gleichsam unbemerkt Zucht und Ordnung zu erhalten wissen. Wilhelm, der hier abermals ein Beispiel ausschlieĂźlicher Beschäftigung und, wie ihm bei aller Breite scheint, beschränkter Lebensleitung zu bemerken glaubt, wĂĽnscht zu erfahren, worin man die Zöglinge sonst noch zu ĂĽben pflege, um zu verhindern, dass bei so wilder, gewissermaĂźen roher Beschäftigung, Tiere nährend und erziehend, der JĂĽngling nicht selbst zum Tier verwildere. Und so war ihm denn sehr lieb zu vernehmen, dass gerade mit dieser gewaltsam und rau scheinenden Bestimmung die zarteste von der Welt verknĂĽpft sei, SprachĂĽbung und Sprachbildung.

 

(.....)

 

Namentlich aufgefordert von allen, verließ ein schöner Jüngling seine Arbeit und begann heraustretend einen ruhigen Vortrag, worin er das gegenwärtige Kunstwerk nur zu beschreiben schien; bald aber warf er sich in die eigentliche Region der Dichtkunst, tauchte sich in die Mitte der Handlung und beherrschte dies Element zur Bewunderung; nach und nach steigerte sich seine Darstellung durch herrliche Deklamation auf einen solchen Grad, dass wirklich die starre Gruppe sich um ihre Achse zu bewegen und die Zahl der Figuren daran verdoppelt und verdreifacht schien. Wilhelm stand entzückt und rief zuletzt: „Wer will sich hier noch enthalten, zum eigentlichen Gesang und zum rhythmischen Lied überzugehen!“

 

   „Dies möcht’ ich verbitten“, versetzte der Aufseher; „denn wenn unser trefflicher Bildhauer aufrichtig sein will, so wird er bekennen, dass ihm unser Dichter eben darum beschwerlich gefallen, weil beide KĂĽnstler am weitesten auseinander stehen; dagegen wollt’ ich wetten, ein und der andere Maler hat sich gewisse lebendige ZĂĽge daraus angeeignet.

 

   Ein sanftes, gemĂĽtliches Lied jedoch möcht’ ich unserm Freunde zu hören geben, eines, das ihr so ernst-lieblich vortragt; es bewegt sich ĂĽber das Ganze der Kunst und ist mir selbst, wenn ich es höre, stets erbaulich.“

 

   Nach einer Pause, in der sie einander zuwinkten und sich durch Zeichen beredeten, erscholl von allen Seiten nachfolgender, Herz und Geist erhebende, wĂĽrdige Gesang:

 

   „Zu erfinden, zu beschlieĂźen,
Bleibe, KĂĽnstler, oft allein;
Deines Wirkens zu genieĂźen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im Ganzen schau’, erfahre
Deinen eignen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn dir in dem Nachbar auf.

 

   Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre schärfen,
Und am Ende sei’s genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schön gebildet, zart vollbracht –
So von jeher hat gewonnen
KĂĽnstler kunstreich seine Macht.

 

   Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew’gen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schönem schmückt
Und getrost der höchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.

 

   Wie beherzt in Reim und Prose
Redner, Dichter sich ergehn,
Soll des Lebens heitre Rose
Frisch auf Malertafel stehn,
Mit Geschwistern reich umgeben,
Mit des Herbstes Frucht umlegt,
Dass sie von geheimem Leben
Offenbaren Sinn erregt.

 

   Tausendfach und schön entflieĂźe
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild genieĂźe,
Dass ein Gott sich hergewandt.
Welch ein Werkzeug ihr gebraucht
Stellet euch als BrĂĽder dar;
Und gesangweis flammt und raucht
Opfersäule vom Altar.“

   Alles dieses mochte Wilhelm gar wohl gelten lassen, ob es ihm gleich sehr paradox und, hätte er es nicht mit Augen gesehen, gar unmöglich scheinen musste. Da man es ihm nun aber offen und frei, in schöner Folge vorwies und bekannt machte, so bedurfte es kaum einer Frage, um das Weitere zu erfahren; doch enthielt er sich nicht, den FĂĽhrenden zuletzt folgendermaĂźen anzureden: „Ich sehe, hier ist gar klĂĽglich fĂĽr alles gesorgt, was im Leben wĂĽnschenswert sein mag; entdeckt mir aber auch: Welche Region kann eine gleiche Sorgfalt fĂĽr dramatische Poesie aufweisen, und wo könnte ich mich darĂĽber belehren? Ich sah mich unter allen euren Gebäuden um und finde keines, das zu einem solchen Zweck bestimmt sein könnte.“

 

   „Verhehlen dĂĽrfen wir nicht auf diese Anfrage, dass in unserer ganzen Provinz dergleichen nicht anzutreffen sei; denn das Drama setzt eine mĂĽssige Menge, vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet; denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, ĂĽber die Grenze gebracht. Seid jedoch gewiss, dass bei unserer allgemein wirkenden Anstalt auch ein so wichtiger Punkt wohl ĂĽberlegt worden; keine Region aber wollte sich finden, ĂĽberall trat ein bedeutendes Bedenken ein. Wer unter unsern Zöglingen sollte sich leicht entschlieĂźen, mit erlogener Heiterkeit oder geheucheltem Schmerz ein unwahres, dem Augenblick nicht angehöriges GefĂĽhl in der MaĂźe zu erregen, um dadurch ein immer missliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm ernsten Zweck nicht vereinen.“

Welch ein Werkzeug ihr gebraucht:
Stellet euch als BrĂĽder dar !
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